1.1.2020 „Oma Umweltsau“: Aus einer lächerlichen Harmlosigkeit im WDR (nicht gerade der Sender, der für gewagte Satire bekannt ist…) wird ein rechtsradikales Fanal mit „deutscher Opa über alles“, mit Drohungen gegen Journalisten und mit der mittlerweile zu erwartenden Zusammenrottung von Wutbürgern und Faschisten, die sich anmaßen, zu definieren, was „anständig“ oder „anstößig“ ist. Und der Intendant des WDR lässt sich von ihnen vorführen wie ein Tanzbär. Nicht begreifend, dass es an IHM wäre oder an seinem „größten Funkhaus Europas“, diese Definitionen, wenn nicht vorzunehmen, so doch zu differenzieren und diese Differenzierung, oder besser: das Prinzip Differenzierung zu vertreten. Stattdessen vertritt er sich die Beine. Tritt nach unten, buckelt nach oben, und oben sind ja nicht die Buckligen und Gemeinen, die Armen und Schwachen, nein – oben sind in diesem Fall die, die mit ihren Parolen-Definitionen die Politik und die mediokren Medien vor sich hertreiben, die mit Sprache Schindluder treiben („wird man ja wohl noch sagen dürfen“ – EBEN NICHT) und sich aufgrund ihrer Rohheit unangreifbar machen. (Hinterher wird es wieder niemand geahnt haben.) Und weil es mehr scheinen als ein paar Versprengte und Verdrängte, will man es sich mit ihnen nicht verderben. Es sich nicht verderben mit der Verdorbenheit. Diejenigen, die sich mit diesem Widerlingen unter dem Dach HEIMAT und ANSTAND gemein machen, sind aber die Ausverkäufer von all dem, was vielleicht (!) „Heimat“ sein könnte. Die Konservativen, denen nichts heilig ist, die nichts „bewahren“ (im Sinne von Konservativismus) als ihren Eigennutz. „Heimat“: ein Begriff, der nicht ohne Anführungszeichen zu verwenden und zu schreiben ist! Ein Begriff, der keine eigene Tragweite, keine Präzision, im Grunde keinen Gehalt hat und eben deshalb so gut als Projektionsfläche, als Behälter taugt. „Heimat“, ein Behälter für jeden Dreck. Ein Begriff, der zu allem Ja sagt, der alles aufnimmt, sich jedem hingibt, der zwischen Idylle und Kampfbegriff alles sein kann, eine Hure von Begriff. Wie die Erinnerung. Eine Erfindung, die so tut, als wäre sie keine. Zur Verfügung stehend vor allem für diejenigen, die Profit und Macht wittern, indem sie sich auf „Heimat“ berufen. Und die, welche schlicht genug sind, ihre Sehnsucht nach einem Dasein ohne Angst, ohne Traumata, ohne Bedrohung, ohne Unwägbarkeiten mit diesem Begriff zu verbinden, laufen jenen in Scharen hinterher. Ein Begriff, den man abschaffen wollte/sollte, wenn man es denn könnte. Da man es nicht kann, gilt es, ihn zu befragen und alternative Modelle zu schaffen. Fremde oder Nomadentum nicht als Gegenteil von „Heimat“, sondern als Bereicherung des Eigenen. Die conditio humana sieht nicht „Heimat“ vor, sondern Fremdheit, Begegnung, Sehnsucht, Gefahr. Und nein, der Mensch hat Herkunft, aber keine „Wurzeln“, schon im Ansatz ein schiefes, ein tendenziöses Bild. Im Grunde bedeutet der Versuch, „Heimat“ zu haben, immer den Versuch, nicht sterben zu müssen. „Heimat“ zu instrumentalisieren heißt, Todesangst zu instrumentalisieren. Also: Sich vertraut machen mit dem Tod als dem, was einzig sicher ist. Wir leben, und wir werden sterben. In dieser kurzen Spanne so viel wie möglich er-leben, Ekstase, Rausch, Vernunft, Gedanke, Kunst, Natur, LIEBE. Aber doch nicht sich weismachen lassen, es ginge um „Heimat“. Und WENN DOCH – dann darum, eine kurze Zeitlang „Heimat“ nicht zu haben, sondern zu sein für jemand, der eine Geborgenheit (noch) braucht. Für das Kind, den Flüchtling, den alten oder kranken Menschen, den Bedürftigen. Alles andere ist reiner Egoismus, reine Ausschließ-lichkeit (im Sinne des Begriffs als Ausschluss-Kategorie für immer wieder neu zu definierende „Andere“). Im Hintergrund all dieser Vorgänge um „Heimat“ steht immer ein Interesse. „Lauf vor, ich gebe dir Feuerschutz.“ Follow the money. Folge dem „Heimat“- Geschrei, dann wirst du das Geld finden. Ach – all das wäre gar zu langweilig und gar nicht der Rede wert, wenn es sich nicht so furchtbar breitmachen würde auf Kosten von Menschlichkeit und Solidarität. Und irgendwo sitzt immer jemand, dem/der es nutzt, und grinst in sich hinein, nicht wissend, dass auch dieses Grinsen das Grinsen des eigenen Totenschädels ist. Ein Grinsen, das keinen Humor besitzt, sondern Häme. Weil Humor bedeuten würde, der eigenen Sterblichkeit Witz und Leichtigkeit abzulisten. Humor auf Kosten anderer ist nichts als Arroganz und Bräsigkeit. Humor muss auf Kosten der Obrigkeit gehen. Nicht umgekehrt. Deshalb fürchten die „Heimat“-Schreier nichts mehr als Humor und Lächerlichkeit. Man sollte sie auslachen, Herr Intendant, und zwar öffentlich! Aber leitende Herren (und Damen!) dieses Schlages haben selbst viel zu viel Angst vor Lächerlichkeit, als dass sie Humor zeigen könnten. Aber, Herr Intendant, der Kaiser ist immer nackt! Quasi eine nackte Umweltsau! (Deshalb braucht auch der Kaiser „Heimat“ – für seine Untertanen, denn solange die „Heimat“ schreien auf Kosten anderer, kümmert sie die Nacktheit des Kaisers nicht.) 2.1.2020 Das Wort Utopie (auf Thomas Morus’ „Utopia“ zurückgehend) ist aus griech. „ou topos“, kein Ort, gebildet. Wenn „Heimat“ eben kein „Ort“ ist, also nichts Konkretes, auf das sich berufen kann, wer auch immer sich dazu gerade berufen fühlt, so ist „Heimat“ Utopie oder, wie Bloch schreibt, „etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“. Heimatlosigkeit wäre insofern eine Tautologie, als der Begriff „Heimat“ selbst eine Utopie fasst. Heimatlosigkeit und „Heimat“ fielen zusammen als Utopie, Zu-Hause-Sein in der Freiheit der Heimatlosigkeit. Immer verstanden nicht als Vertrieben-Sein oder als Obdachlosigkeit, sondern als innere Freiheit, für die immerhin einige Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Wie ein Kollege mal sagte: Ich höre sofort auf, bei ALDI zu kaufen, wenn ich es mir leisten kann. Aber WENN man es sich leisten kann, dann bitte nicht ALDI (also „Heimat“), sondern fruchtbare Heimatlosigkeit, Freiheit des Gedankens. Aus der Ferne hört man die Trommeln: Wo bleibt denn die emotionale Bindung?! – Man muss aber nicht meinen, das, was für Kleinkinder lebensnotwendig ist, muss es auch für Erwachsene sein. Es ist ja gerade das Faszinierende an Kindern, dass sie die Stufen ihrer Emanzipation ohne zu zögern nehmen, sobald es ihnen eben möglich ist. Ihr In-die-Welt-Gehen, ins Offene, Freund!, ihr Größerwerden, Umfassend-Werden: Warum sollte der Erwachsene es später ohne Not zurücknehmen und, es als „Heimat“ bezeichnend, enge Grenzen um sich und das Eigene ziehen – statt so viel Anderes, Fremdes (fremde Schönheit), Neues, Unerwartetes zu erfahren, wie es nur eben geht? Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit. Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen, Wenn ers weigert und doch gönnet den Kindern zulezt. Nur daß solcher Reden und auch der Schritt und der Mühe Werth der Gewinn und ganz wahr das Ergözliche sei. Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst, Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist, Und von trunkener Stirn’ höher Besinnen entspringt, Mit der unsern zugleich des Himmels Blüthe beginnen, Und dem offenen Blik offen der Leuchtende seyn. Hölderlin, Der Gang aufs Land 3.1.2020 Auf dem Teich, dem regungslosen, 
 Weilt des Mondes holder Glanz, 
 Flechtend seine bleichen Rosen 

In des Schilfes grünen Kranz. aus: Nikolaus Lenau, Schilflieder Der Fluss, die Lippe mit ihren Seitenarmen ist die Lebensader Lippstadts und für die Lippstädter Teil ihres Alltags. Aber der Aufwand der Hochwasser-Schutzmaßnahmen erinnert daran, dass der Fluss auch ein anderes Gesicht zeigen kann, die Kehrseite des lebensspendenden Elementes. Einerseits bedeutet ein Fluss Trinkwasser, Transportmöglichkeit, Nahrung, Hygiene, Freizeitvergnügen; andererseits potentielle Gefahr bei Hochwasser oder durch Unbedachtheit: Flüsse sind uns im Alltagsleben so oder so auf vielfältige Weise gegenwärtig. Die mythische Seite des Flusses jedoch ist uns kaum noch bewusst. Wir beten nicht mehr zum Flussgott; wir gehen nicht davon aus, dass im Tümpel der wilde Mann haust und den Jäger in die Tiefe zieht; dass der Fluss eine Grenze zum Totenreich bildet; dass der Wassermann mit seiner Familie dort unten wohnt oder eine Nixe sich nach einem Menschenmann sehnt. Für uns heute sind vielleicht Supermann oder Die Fantastischen Vier die modernen Mythen, vielleicht ist Karl Rahn ein Mythos oder Muhammad Ali, die Bier-Brötchen-Diät ist ein Mythos oder dass es immer so weiter gehen kann mit der Ausbeutung des Planeten und doch wie von selbst eine Lösung daherkommen wird. Mythen werden gemacht, sie erfüllen einen Zweck. Die alten, Gemeinschaft stiftenden, die das menschliche, das gemeinsame Dasein grundierenden Mythen sind uns abhanden gekommen. Mit welchen Bildern verständigen wir uns, in welchen Bildern finden wir uns wieder, was sind die Geschichten und Symbole, mit denen wir uns unser Dasein erklären? Was bewahrt uns vor dem totalen Vergessen im totalen Konsum, vor der Tyrannei der Gegenwart, vor dem Verlust jedes Zeitgefühls, das über den Moment, über den Tag hinausweist? (…) Kunst ist vor allem ein Spiegelung, eine Befragung, ein Anders-Sehen, ein Kommentar. Kunst ist Stellvertretung: sie kann, macht und darf Dinge, die wir nicht machen, können oder dürfen. Sie bringt neue Gegen-Stände hervor. Keine Ab-Bilder, sondern Gegen-Stände. Die trotzdem aus Vertrautem gespeist werden, sich auf Vertrautes beziehen, die von Vertrautem durchdrungen sind. Und Kunst darf uns vor allem ein Rätsel bleiben, einen Rest von Geheimnis tragen, der zwischen dem liegt, was wir in ihr sehen – jede und jeder sieht und empfindet und versteht etwas Anderes -, und dem, was der Künstler oder die Künstlerin gedacht, hervorgebracht, konzipiert hat. (…) Wir leben in einem Zeitalter des Verlusts. Verlust von Erinnerung, von Wissen, von Tradition, von Kenntnissen, von Mythen und Transzendenz, von Geschichten, von menschlichem Miteinander. Schilfgeschichten stammen aus einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat… Aus einer Zeit unter dem Lindenbaum. Und doch liegen gerade einmal zwei Generationen zwischen dieser Zeit und der heutigen, und Mythen haben ihre eigene Zeitrechnung. Auszüge aus meinem Eröffnungsvortrag zu Sebastian Hempels Installation „Schilfrohre“ (Dez. 2019) 4.1.2020 Gedenken? Wie seltsam, dass um 2010 plötzlich so viele Freunde starben. Als hätte sie ein merkwürdiger Virus dahingerafft. Grundlos und zufallsbestimmt. Der 1.1.12 ist seither ein Gedenktag für Frank Köllges und Klaus Huber, zwei Freunde, zwei Schlagzeuger, zwei außerordentliche Performance- Künstler, die sich kannten und schätzten. Beide starben an diesem, an ein und demselben Tag. Beide Krebs. Natürlich. Der eine nach jahrelangem Kampf, der andere nach wenigen Monaten. Zwei Menschen, die immer anwesend waren, deren Geist immer noch anwesend ist, nichts an Inspiration verloren hat. Und die Mahnung, es sich ja nicht zu gemütlich zu machen. „Eben noch Morgen, dann Mittag, jetzt schon Abend“ war sinngemäß der Text des Nachrufs auf Huber. Warum aber dies hier zu „Heimat“? Weil beide sich definierten über das, was sie schufen, was sie taten oder ließen, über ihre je eigene Radikalität in ihrem Sein und Tun. Beide haben ihre Sehnsüchte verwirklicht, beide zeitlebens mit Geldsorgen einerseits, mit Visionen und Utopien andererseits bis hin zu Großorchestern und „Planetenfahrern“. Letzteres ein welt-umspannendes Großprojekt, für das Köllges jahrzehntelang versuchte, eine Finanzierung zu finden. Die Idee: 50 Künstler*innen, die ein Jahr lang eine Ausbildung durchlaufen, ein Survival Training bis hin zu Jagen, Fischen, Selbstverteidigung, Waffenkenntnis, Notoperationen… 50 Trucks, hergerichtet für autarkes, völlig ortsunabhängiges Unterwegs-Sein, jeder einzelne davon mit allem ausgestattet, was man für Leben und Überleben benötigt, plus einer beweglichen Bühne, Instrumenten, künstlerischem Werkzeug jeder Art. Konzipiert für nicht geplante, spontane Begegnungen jeder Art, wo auch immer man sich aufhält. Routenplanung für 50 unabhängige „Planetenfahrer“, die jede*r ihre Reisen komplett dokumentieren (eine Idee VOR der Allgegenwart des Netzes!), die einzeln reisen, um sich zu verabredeten Zeiten alle gemeinsam zu Großkonzerten, quasi Kunst- Offensiven zu treffen, an Orten wie etwas Tschernobyl oder der Chinesischen Mauer oder dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände. Ein Projekt, in dem jede*r seine „Heimat“ in sich tragen muss bzw. in dem der „Heimat“-Gedanke vollkommen irrelevant wird, aufgegeben zugunsten permanenter Offenheit, ständigem Unterwegs-Sein, künstlerisch-menschlichem Nomadentum, absolutem Sich-zur-Verfügung-Stellen. Es wurde nie realisiert, und der einzige „Planetenfahrer“ seines Projekts blieb Köllges selbst. Aber der Gedanke ist in der Welt, die Haltung, die Neugierde, die Unbedingtheit sind in der Welt. Der Sensenmann ist seither anderswo beschäftigt, legt in unserem engeren Kreis eine Pause ein. Als müsste er diese Kaliber auch erst verdauen… Gedenken? Aufbruch!
(Wen es interessiert: Beide finden sich mannigfach im Netz…) 5.1.2020 Nach dem Konzert in Saarbrücken heute: Wollie Kaiser verlässt Deep Schrott. Eine lange Geschichte zwischen ihm und mir. Und eine Geschichte über „Heimat“. 1988 wurde ich zum Probespiel bei der Kölner Saxophon Mafia eingeladen und anschließend Teil des Quintetts für 6 ereignisreiche Jahre mit mehreren Platten, Produktionen und Konzerten auf der ganzen Welt. Wie sich herausstellte, waren Wollie und ich Antagonisten in der Band, zwischen uns bestand immer eine Spannung, die – nach meiner Einschätzung – auf einem ganz grundsätzlichen und nicht aufzulösenden Mißtrauen beruhte zwischen ihm, dem in der Großstadt aufgewachsenen Arbeiterkind und mir, dem Kleinbürger- und Landratssohn aus der Provinzstadt. Vollkommen unterschiedliche Voraussetzungen, die – jedenfalls war das meine Vorstellung – sich hätten auflösen können in eine gemeinsame Utopie: Die Freiheit der Musik, die wir entwickelten. Eine Musik, deren Hauptbestandteil – neben allen musikalischen Parametern, über die man sprechen kann – eben dies war: FREIHEIT. Emanzipation, Wildheit, Lust. Das verband uns, und das verstand der Kollege damals nicht: Aufbruch und Freiheit in der und durch die Musik. Verknüpft mit einer Haltung zu Welt, zu Herkunft, zu Politik und Gesellschaft, die, gespeist aus völlig unterschiedlichen Quellen, bei beiden auf Wut, Empörung und Gerechtigkeitsempfinden basierte, die sich für eine gemeinsame Basis aber leider als nicht tragfähig genug herausstellte. Trotzdem entstand in den besten Momenten die gemeinsame FREIHEIT in der und durch die Musik. Die Zerwürfnisse waren jedoch auf Dauer nicht zu heilen, ich verließ die Band 1994. 2008 gründete ich DEEP SCHROTT, und mein erster Impuls war, Wollie Kaiser zu dem Quartett- Projekt einzuladen. Einerseits seiner musikalischen Kompetenz wegen. Aber darüber hinaus gab es für mein Verständnis zu viele lose Enden, zu viele liegen gebliebene, ungelöste Konflikte, zu viele Mißverständnisse und Irrtümer. Er besaß die Größe, das Risiko einzugehen und zuzusagen, und wir hatten nochmal fast 12 gemeinsame Jahre, mit zahlreichen Konzerten, Produktionen, fünf Alben, vielen Diskussionen und einer – vielleicht letzten – großen Afrikatournee. Neben Aufwallungen des alten Mißtrauens gab es Momente gemeinsamer Energie, es gab UND GIBT ganz offensichtlich Haltungen, die wir teilen, es gab sogar…– ich will nicht behaupten, Momente des Vertrauens, aber doch des Respekts, des Wohlwollens und des Bewusstseins, einen gemeinsamen Weg zu gehen. Wollie Kaiser hat nun aus ganz persönlichen Gründen die Entscheidung getroffen, die Band zu verlassen, und es ist davon auszugehen, dass damit auch unser gemeinsamer Weg endet, jedenfalls in dieser intensiven Form. Jemand, an dem man sich so sehr gerieben hat in über dreißig Jahren, an seiner Andersartigkeit, seiner Sturheit, seiner – zumindest anfang – überlegenen Musikalität, an seinem so völlig unterschiedlichen Lebensentwurf, seiner Merkwürdigkeit im Ausdruck, seiner Wertschätzung ganz anderer Dinge und Menschen… Dieser Jemand ist mir ein Teil „Heimat“ geworden, ohne je seine Fremdheit für mich zu verlieren: Er hat mich herausgefordert, er hat es mit nie gemütlich gemacht, er hat Wahrhaftigkeit und Radikalität provoziert und war mir ein aufrichtiger Gegenüber. Ein Stachel im Fleisch und, in den guten Momenten, jemand, mit dem man musikalisch in Extase geraten konnte. Wenn „Heimat“, dann so. 6.1.2020 Der DVD-Mitschnitt des großartigen Gesprächs- und Vortragsabends „Ebermann beleidigt Helmut Schmidt“ mit Thomas Ebermann und Michael Weber, SchauSpielHaus Hamburg 2019. Darin rezitiert Michael Weber eine Passage aus Hölderlins Hyperion (1799, Kapitel 67). Einleitend weist er darauf hin, dass die Konstruktion so beschaffen ist, dass Hyperion als griechischer Flüchtling nach Deutschland kommt. „Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin! waren meine Tröster. Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt? Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag es auch. Nur muß er es mit ganzer Seele treiben, muß nicht jede Kraft in sich ersticken, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel paßt, muß nicht mit dieser kargen Angst, buchstäblich heuchlerisch das, was er heißt, nur sein, mit Ernst, mit Liebe muß er das sein, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Tun, und ist er in ein Fach gedrückt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoß ers mit Verachtung weg und lerne pflügen! Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Notwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viele Stümperarbeit und so wenig Freies, Echterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müßten solche Menschen nur nicht fühllos sein für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlaßnen Unnatur auf solchem Volke. (…)“ Immerhin 40 ARD-Fernseh-Autoren (von wie vielen? ein paar tausend?) haben gefordert, das „Umweltsau“-Liedchen wieder online zu stellen und haben Buhrow – wenigstens durch die Blume – nahegelegt zu gehen. Kurz darauf standen schon hunderte von Kommentaren unter dem Artikel, zu 95% Schmähschriften gegen diese Autoren und lauter Unterstreichungen, welch ungeheure Beleidigung das Liedchen für alte Menschen und überhaupt jeden mit Geschmack darstelle, und Satire habe doch irgendwann auch eine Grenze (und zwar genau dort, wo jeder Leserbrief-Hansel sie sich am liebsten vorstellt). Was ist Spießertum? Den eigenen begrenzten Horizont nicht nur für das Ende der Welt zu halten, sondern dies auch noch mit größtmöglicher Aggressivität anderen gegenüber zu vertreten. Zur Strafe kommt Ebermanns „Linke Heimatliebe“ in meiner „Heimat“-Bibliothek in die erste Reihe. Neben Hölderlin. „Und wehe dem Fremdling, der aus Liebe wandert, und zu solchem Volke kömmt, und dreifach wehe dem, der, so wie ich, von großem Schmerz getrieben, ein Bettler meiner Art, zu solchem Volke kömmt!“ 7.1.2020 Martin Sonneborn im Gespräch mit Gregor Gysi über Osnabrück, wo er aufgewachsen ist: „Gut, um aufzuwachsen, und gut, um wegzugehen.“ Auch eine Definition von „Heimat“. Ein Tag in Transiträumen. Köln Stuttgart, Theaterprobe, Stuttgart Frankfurt, Projektbesprechung, Frankfurt Köln. In den Zügen Vor- und Nachbereitung, wie immer. „Heimat“ im Unterwegs-Sein, in der Vertrautheit des Unvertrauten. Essen an Bahnhöfen, Coffee to go, Wasserflaschen, abends ein Restaurant. Fremde Gespräche an Telefonen, Gedrängel vor den Zugtüren, immer der Stress um die Pünktlichkeit der Züge, um das Erreichen der Anschlussverbindung. Einige Stunden Arbeit an Goethe, einige Stunden Gespräche über Klanginstallation und Konzert. Rudimentäre Kenntnis der Innenstädte, der Wege vom Bahnhof zum Arbeitsplatz, Museum oder Theater. Kein Blick auf die Flüsse, auf die Landschaft, auf Passanten. „Heimat“ im mitgeführten Laptop-Bildschirm und Smartphone-Display. Alles bekannt, alles tausendmal gesehen und gemacht. Kleine Triumphe des Individualismus: Keine Plastikgabel akzeptieren, eine selbst gefüllte Wasserflasche bei sich führen, etwas Obst von zuhause mitnehmen, mit dem Taxifahrer ein paar freundliche Worte wechseln. Kollegen und Freunde, denen es ebenso geht, von denen man gleichzeitig weiß, dass man sie verlieren wird, wenn die Wege sich trennen. Wie viele Verkehrsmittel an einem Tag? Fahrrad, Zug, S-Bahn, Straßenbahn, Zug, Taxi, Zug, Fahrrad, Auto. Besser nicht über den ökologischen Fußabdruck nachdenken. Gespräche über „Heimat“, über den verlorenen Posten, auf dem man steht mit der Auffassung, das es sich dabei um eine Erfindung handelt. Oder um das, was man selbst gibt, bis die Kinder groß genug sind, sich in die Welt zu stellen und Welt-Bürger zu werden, die Welt als ihre „Heimat“ zu begreifen. Die Erde. Gaia meinetwegen. Das Gegenüber, die Natur, die Kunst. Die Liebe. Die Körper. Deiner und meiner. Die unserer Kinder. Gefäße für unseren kurzen Weg auf dieser Erde. Wir sind keine Bäume, keine Felsen. Wir sind für die Beweglichkeit geschaffen, für den aufrechten Gang, für den Blick in Baumkronen, über Berge und Meer. Warum sich abfinden mit albernen Versprechen von Gemütlichkeit und Sicherheit, wenn man stattdessen in Wind und Regen stehen kann? Aber was uns am Ende einholt, ist die Verführung der Bildschirme, der elektronischen Herdfeuer, der „blauen Sonnen“, der Weichmacher in Hirnen und Körpern. Ihnen sind wir nicht gewachsen, diese Prüfung bestehen wir nicht. Was Krieg und Sklaverei nicht fertigbrachten: sie schaffen es. Und wir sind Freiwillige. Finden uns am Ende wieder in den allerbilligsten Varianten von „Heimat“, den ewiggleichen Erzählungen, mit denen sie uns abspeisen, während wir hoffen auf die nächste Lieferung Soylent Green. 8.1.2020 Woher die fast obsessive Beschäftigung mit dem verdammten H.-Thema? Angefangen mit Texten und Veranstaltungen vor etwa 20 Jahren, spätestens 1997/98 (mein reichlich missglückter „Heimatabend“ in der Bundeskunsthalle). Immerhin vor dem von Thomas Ebermann benannten „Boom“ des Begriffs im Zusammenhang mit dem Rechtsruck der gesamten Gesellschaft (ein Ruck, der sich in Phänomenen wie der AfD nur ausdrückt, aber die ganze Gesellschaft erfasst hat). Es kann wohl nur einer zum Thema arbeiten, der der H. verlustig gegangen ist bzw. der zu durchschauen gelernt hat, welche Ideologien sich diesen Begriff zu eigen machen. Das hat sich in mehreren Schritten vollzogen. Der frühe Verlust der Mutter, der als solcher empfundene Verrat und damit Verlust des Vaters ein paar Jahre später, der frühe Tod vieler Angehöriger. Der Verlust der Religion, der Verlust von Urvertrauen. Zunehmende Erkenntnisse von Zusammenhängen, von gesellschaftlichen Entwicklungen, auch von Ausbeutungszusammenhängen (hier ist die Behauptung von H. nie weit). Was blieb, waren Natur und Modelle von Gemeinsamkeit außerhalb der Familie (Freundschaft, Schule, Jugendarbeit, Musik…). Die Entdeckung der Liebe als Zugewandtsein zu einem Gegenüber, einer Fremden, einer Anderen, quasi Entdeckung einer H. im Anderssein. Auch unmittelbar, d. h. körperlich. Das Sich-nach-außen-Wenden in vielerlei Form. Das konkrete Verlassen des Herkunftsortes, der Umgebung, das Erschließen anderer Wirklichkeiten (die Stadt, die Welt). Und schließlich so etwas wie das Eigene in Haltung und Werk, bei aller Vorsicht. Die eigenen Sprache. Das Teilen des Eigenen mit gleich oder ähnlich Gesinnten. Solidarität. Der Stachel des Alleinseins, der – ohne zu pathetisch zu werden – grundsätzlichen Einsamkeit und Vorläufigkeit auf dieser Erde. Der Reichtum und die Schönheit der Erde trotz der überwältigenden Realität ihrer Ausbeutung. Das Gefühl, der Erde zu gehören, ganz unmittelbar, nicht durch Vermittlung einer Ideologie oder Religion. Natur und Kunst als Quellen, und darin eine Art Transzendenz, die sich anders darstellt als die doch etwas schlichten Zumutungen der Angebote der Kirchen. Die Auseinandersetzung mit dem H.-Thema als ständige Reibung auch an der eigenen Sehnsucht, die sich immer wieder einstellt. Sehnsucht nicht nach einem Ort, einem Geruch oder Geschmack, wie so oft behauptet wird. Aber die Sehnsucht nach einer Situation der Geborgenheit nicht zu kennen, wäre eine glatte Lüge. Aber lieber in der Sehnsucht im Sinne einer permanenten Entfernung verbleiben, als schließlich doch den allerdümmsten Glücksversprechen auf den Leim gehen, die allerorten gegeben werden. 9.1.2020 Der Junge hatte panische Angst. Mehr Angst als Vaterlandsliebe, spottete sein Vater. Er wurde in den Keller geschickt, um den kleinen Spazierstock aus Rohr zu holen, mit dem er noch vor wenigen Jahren gespielt hatte. Der Stock steckte nun an der Kellerdecke über den Heizungsrohren, als Damoklesschwert und tägliche Warnung. Der Junge wusste, was ihm bevorstand. Was ihm blühte, wie seine Eltern es ausdrückten. Mit gesenktem Kopf ging er die Treppe wieder hinauf in den Flur, wo die gesamte Familie ihn erwartete, die Schwestern als Zeuginnen, die Mutter, der Vater. Er bat, vorher noch zum Klo gehen zu dürfen. Er durfte. Dann musste er die Schläge entgegennehmen, nachdem sein Vater ihn vorher gefragt hatte, wie viele er selbst für angemessen hielt. (Was war anschließend mit dem Stock geschehen? Vermutlich hatte er ihn wieder in den Keller bringen müssen, er konnte sich nicht erinnern.) Nach dem Vollzug machte sich Erleichterung breit, es hinter sich zu haben. Als der Junge im Bett lag, hörte er noch einmal die schweren Schritte seines Vaters auf der Treppe, die Tür öffnete sich und sein Vater machte schweigend ein Kreuzzeichen auf seine Stirn, wie ein Priester an Aschermittwoch, nur ohne Asche. Der Hohepriester der Familie. Sie gehörten alle ihm. Der Junge weinte sich in den Schlaf. Am nächsten Morgen trat er angesichts der Schande des Vorabends voller Scham an den Frühstückstisch. Seine Mutter sagte, sein Vater habe am späteren Abend noch sehr geweint. Ihm tue es viel mehr weh als ihm. Es ist eben Ihr Heimatort und für einen nur irgendwie beunruhigten Menschen ist der Heimatort, selbst wenn er sich darüber gern täuscht, etwas sehr Unheimatliches, ein Ort der Erinnerungen, der Wehmut, der Kleinlichkeit, der Scham, der Verführung, des Mißbrauchs der Kräfte. Franz Kafka, Briefe und Tagebücher, März 1920 10.1.2020 In „Die Permanenz der Kunst“ von Herbert Marcuse findet sich die Formulierung, die Autonomie der Kunst enthalte den kategorischen Imperativ: es muss anders werden. Das Bestehende muss aufhören, es muss geändert werden. Marcuse verteidigt die Autonomie der Kunst auch (und gerade) gegen ihre In-Dienst-Nahme durch vulgärmarxistische Ideologie. Er sieht sie nicht als Repräsentant einer Klasse oder einer gesellschaftlichen Situation, sondern als Ausdruck der allgemeinen Menschlichkeit. „Es muss anders werden“, also das Bewusstsein, dass eine unvollkommene Realität in Frage gestellt, verändert, verbessert gehört, und zwar so lange, BIS DIE AUSBEUTUNG EIN ENDE HAT, widerspricht fundamental allem, was das Klischee des Begriffs „Heimat“ ausmacht. H. zeichnet sich bei ihren Apologeten in der Regel gerade dadurch aus, dass sie sich NICHT ändert, dass sie eine heile Welt repräsentiert, die so scheint wie früher (wobei das „Früher“ in der Regel aus gutem Grund nicht näher definiert wird, weil es ein angenommenes „Früher“ ist, das mit jedweder Realität nichts zu tun hat), aus der alle Abgründe, Schmerzen, Leiden, vor allem aber jedes Bewusstsein politischer (und das heißt immer: Ausbeutungs- und Profit-) Zusammenhänge getilgt sind. Ist es überhaupt denkbar, diesen so vollständig kontaminierten Begriff anders zu denken? Ist eine H. vorstellbar, die nicht korrumpiert und mystifiziert (ebenfalls ein Begriff bei Marcuse) ist? Die sich u. a. dadurch auszeichnet, dass sie das „Es muss anders werden“ in sich trägt? Eine H., die das Andere, das Anderssein als Wert nicht nur akzeptiert, sondern in sich trägt und damit etwas gänzlich anderes darstellt als die Postkarten-Idylle, die gemeinhin mit dem Begriff assoziiert wird, oder gar die sentimentale Gefühlswelt eines „Es war einmal“, die ihre dunkle Seite, die Gewalt, nur mühsam zu verbergen imstande ist? H. in diesem Sinne wäre der Utopie verschwistert. Ist ein Begriff von H. denkbar, der integrativ und solidarisch ist, der ohne den Ausschluss derer auskommt, die nicht dazugehören (sollen)? Eine offene, einladende H., die Sprache, Natur, auch Traditionen und Rituale birgt, sich aber nicht mittels aggressiver Xenophobie oder vergleichbarer Impulse manifestiert? Ist der Begriff so kontaminiert und jeder Änderung abhold, dass man ihn, wie Thomas Ebermann in „Linke Heimatliebe“ fordert, den Rechten überlassen, ihn also ein für allemal aufgeben sollte? Oder ist eine utopische H., eine H. vor, nicht hinter uns, denkbar? Wenn H. vor allem bedeutet, in einer angstfreien Situation leben zu können, warum gibt es dann keine ernsthaften linken, utopischen Angebote für H.? Warum wird H. immer in der Vergangenheit gesucht, in einem goldenen Zeitalter, im Schoß der Familie usw.? Ist es so einfach: Ist H. ein Synonym für den Mutterschoß, den man verlassen hat, in dem die Situation angstfrei war, und für ein paar folgende Jahre noch ohne eigenes Bewusstsein, und ist der Verlust dieser Unschuld der Grund für die diffuse Sehnsucht und die Angst? Warum aber nicht Neugierde, warum nicht den Kopf heben statt gesenkt halten? (Robert Pogue Harrison beschreibt in „Kulturgeschichte des Waldes“ das Kopf-Heben, die Entdeckung des Himmels sinngemäß als Beginn menschlicher Zivilisation und Transzendenz.) 11.1.2020 Die Sache muss ihre Form erst finden und durch vieles hindurch mäandern. Es gibt keinen Masterplan. Ich muss mich hindurchfressen durch meinen Puddingberg. (Dahinter liegt ganz bestimmt das geistige Schlaraffenland.) Irrtümer sind nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern müssen leider als Methode gelten. Immerhin: Zu seinen Irrtümern und Sackgassen zu stehen, ist schon eine Gegenhaltung. Weniger im Sinne von „Authentizität“ oder „Identität“ – die Begriffe sind gemeinsam mit H. unter Generalverdacht zu stellen – als schlicht Aufrichtigkeit. Als ich vor langer Zeit gegenüber Steckel einmal Adorno sinngemäß zitierte: „Sich nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen“, lautete die lakonische Antwort: „Ist es nicht eigentlich umgekehrt?“ (Das korrekte Zitat aus „Minima Moralia“ lautet übrigens: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ Beim Recherchieren per Smartphone wird mir – neben einer Reihe von Zitaten – angeboten: „Ihr Engelsname wird enthüllt. Endecken Sie schnell den Namen Ihres Schutzengels dank Angela, Ihrem Medium.“) 12.1.2020 Auf einer Anhöhe in der unendlichen, kargen Landschaft des Nordens zu stehen – eine Erfahrung, vermutlich dem Ozean oder der Wüste vergleichbar – und von weitem eine Regenfront auf sich zukommen sehen. Tage später der erste Besuch im Munch-Museum in Oslo. Das Gefühl der Überwältigung und äußersten Fremdheit, gleichzeitig der Aufgehobenheit und Teilhabe. „Heimat“ in der Natur, in der Kunst, als andere Definition des Begriffs. Kann man, darf man den Begriff hier verwenden? Anders gefragt: Muss man es nicht sogar, um ihn von der unendlichen Belastung durch Blut und Boden zu emanzipieren? Ist eine solche Emanzipation oder Umdeutung zulässig, oder sollte man den Begriff einfach sausen lassen und sich eigene, weniger korrumpierte Termini suchen? Aber sind Begriffe nicht insofern wie Menschen – ist es möglich, einen aufzugeben, oder muss man bis zuletzt um jeden kämpfen? Transportiert ein solcher Begriff (wie bei Ebermann) nur seine eigene, unendlich wiederholte Korruption, oder kann man andere Schichten freilegen, die darunter, davor, dahinter liegen? Eine Ahnung davon gibt ebenfalls Marcuse, wenn er in seinem Text „Die Permanenz der Kunst“ trotz aller gesellschaftlichen Verantwortung und trotz allen Eingebunden-Seins in gesellschaftliche und politische Prozesse darauf beharrt, dass die Kunst ihre Autonomie behält.
1.1.2020 „Oma Umweltsau“: Aus einer lächerlichen Harmlosigkeit im WDR (nicht gerade der Sender, der für gewagte Satire bekannt ist…) wird ein rechtsradikales Fanal mit „deutscher Opa über alles“, mit Drohungen gegen Journalisten und mit der mittlerweile zu erwartenden Zusammenrottung von Wutbürgern und Faschisten, die sich anmaßen, zu definieren, was „anständig“ oder „anstößig“ ist. Und der Intendant des WDR lässt sich von ihnen vorführen wie ein Tanzbär. Nicht begreifend, dass es an IHM wäre oder an seinem „größten Funkhaus Europas“, diese Definitionen, wenn nicht vorzunehmen, so doch zu differenzieren und diese Differenzierung, oder besser: das Prinzip Differenzierung zu vertreten. Stattdessen vertritt er sich die Beine. Tritt nach unten, buckelt nach oben, und oben sind ja nicht die Buckligen und Gemeinen, die Armen und Schwachen, nein – oben sind in diesem Fall die, die mit ihren Parolen-Definitionen die Politik und die mediokren Medien vor sich hertreiben, die mit Sprache Schindluder treiben („wird man ja wohl noch sagen dürfen“ – EBEN NICHT) und sich aufgrund ihrer Rohheit unangreifbar machen. (Hinterher wird es wieder niemand geahnt haben.) Und weil es mehr scheinen als ein paar Versprengte und Verdrängte, will man es sich mit ihnen nicht verderben. Es sich nicht verderben mit der Verdorbenheit. Diejenigen, die sich mit diesem Widerlingen unter dem Dach HEIMAT und ANSTAND gemein machen, sind aber die Ausverkäufer von all dem, was vielleicht (!) „Heimat“ sein könnte. Die Konservativen, denen nichts heilig ist, die nichts „bewahren“ (im Sinne von Konservativismus) als ihren Eigennutz. „Heimat“: ein Begriff, der nicht ohne Anführungszeichen zu verwenden und zu schreiben ist! Ein Begriff, der keine eigene Tragweite, keine Präzision, im Grunde keinen Gehalt hat und eben deshalb so gut als Projektionsfläche, als Behälter taugt. „Heimat“, ein Behälter für jeden Dreck. Ein Begriff, der zu allem Ja sagt, der alles aufnimmt, sich jedem hingibt, der zwischen Idylle und Kampfbegriff alles sein kann, eine Hure von Begriff. Wie die Erinnerung. Eine Erfindung, die so tut, als wäre sie keine. Zur Verfügung stehend vor allem für diejenigen, die Profit und Macht wittern, indem sie sich auf „Heimat“ berufen. Und die, welche schlicht genug sind, ihre Sehnsucht nach einem Dasein ohne Angst, ohne Traumata, ohne Bedrohung, ohne Unwägbarkeiten mit diesem Begriff zu verbinden, laufen jenen in Scharen hinterher. Ein Begriff, den man abschaffen wollte/sollte, wenn man es denn könnte. Da man es nicht kann, gilt es, ihn zu befragen und alternative Modelle zu schaffen. Fremde oder Nomadentum nicht als Gegenteil von „Heimat“, sondern als Bereicherung des Eigenen. Die conditio humana sieht nicht „Heimat“ vor, sondern Fremdheit, Begegnung, Sehnsucht, Gefahr. Und nein, der Mensch hat Herkunft, aber keine „Wurzeln“, schon im Ansatz ein schiefes, ein tendenziöses Bild. Im Grunde bedeutet der Versuch, „Heimat“ zu haben, immer den Versuch, nicht sterben zu müssen. „Heimat“ zu instrumentalisieren heißt, Todesangst zu instrumentalisieren. Also: Sich vertraut machen mit dem Tod als dem, was einzig sicher ist. Wir leben, und wir werden sterben. In dieser kurzen Spanne so viel wie möglich er-leben, Ekstase, Rausch, Vernunft, Gedanke, Kunst, Natur, LIEBE. Aber doch nicht sich weismachen lassen, es ginge um „Heimat“. Und WENN DOCH – dann darum, eine kurze Zeitlang „Heimat“ nicht zu haben, sondern zu sein für jemand, der eine Geborgenheit (noch) braucht. Für das Kind, den Flüchtling, den alten oder kranken Menschen, den Bedürftigen. Alles andere ist reiner Egoismus, reine Ausschließ-lichkeit (im Sinne des Begriffs als Ausschluss-Kategorie für immer wieder neu zu definierende „Andere“). Im Hintergrund all dieser Vorgänge um „Heimat“ steht immer ein Interesse. „Lauf vor, ich gebe dir Feuerschutz.“ Follow the money. Folge dem „Heimat“- Geschrei, dann wirst du das Geld finden. Ach – all das wäre gar zu langweilig und gar nicht der Rede wert, wenn es sich nicht so furchtbar breitmachen würde auf Kosten von Menschlichkeit und Solidarität. Und irgendwo sitzt immer jemand, dem/der es nutzt, und grinst in sich hinein, nicht wissend, dass auch dieses Grinsen das Grinsen des eigenen Totenschädels ist. Ein Grinsen, das keinen Humor besitzt, sondern Häme. Weil Humor bedeuten würde, der eigenen Sterblichkeit Witz und Leichtigkeit abzulisten. Humor auf Kosten anderer ist nichts als Arroganz und Bräsigkeit. Humor muss auf Kosten der Obrigkeit gehen. Nicht umgekehrt. Deshalb fürchten die „Heimat“-Schreier nichts mehr als Humor und Lächerlichkeit. Man sollte sie auslachen, Herr Intendant, und zwar öffentlich! Aber leitende Herren (und Damen!) dieses Schlages haben selbst viel zu viel Angst vor Lächerlichkeit, als dass sie Humor zeigen könnten. Aber, Herr Intendant, der Kaiser ist immer nackt! Quasi eine nackte Umweltsau! (Deshalb braucht auch der Kaiser „Heimat“ – für seine Untertanen, denn solange die „Heimat“ schreien auf Kosten anderer, kümmert sie die Nacktheit des Kaisers nicht.) 2.1.2020 Das Wort Utopie (auf Thomas Morus’ „Utopia“ zurückgehend) ist aus griech. „ou topos“, kein Ort, gebildet. Wenn „Heimat“ eben kein „Ort“ ist, also nichts Konkretes, auf das sich berufen kann, wer auch immer sich dazu gerade berufen fühlt, so ist „Heimat“ Utopie oder, wie Bloch schreibt, „etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“. Heimatlosigkeit wäre insofern eine Tautologie, als der Begriff „Heimat“ selbst eine Utopie fasst. Heimatlosigkeit und „Heimat“ fielen zusammen als Utopie, Zu-Hause-Sein in der Freiheit der Heimatlosigkeit. Immer verstanden nicht als Vertrieben-Sein oder als Obdachlosigkeit, sondern als innere Freiheit, für die immerhin einige Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Wie ein Kollege mal sagte: Ich höre sofort auf, bei ALDI zu kaufen, wenn ich es mir leisten kann. Aber WENN man es sich leisten kann, dann bitte nicht ALDI (also „Heimat“), sondern fruchtbare Heimatlosigkeit, Freiheit des Gedankens. Aus der Ferne hört man die Trommeln: Wo bleibt denn die emotionale Bindung?! – Man muss aber nicht meinen, das, was für Kleinkinder lebensnotwendig ist, muss es auch für Erwachsene sein. Es ist ja gerade das Faszinierende an Kindern, dass sie die Stufen ihrer Emanzipation ohne zu zögern nehmen, sobald es ihnen eben möglich ist. Ihr In-die-Welt-Gehen, ins Offene, Freund!, ihr Größerwerden, Umfassend-Werden: Warum sollte der Erwachsene es später ohne Not zurücknehmen und, es als „Heimat“ bezeichnend, enge Grenzen um sich und das Eigene ziehen – statt so viel Anderes, Fremdes (fremde Schönheit), Neues, Unerwartetes zu erfahren, wie es nur eben geht? Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit. Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen, Wenn ers weigert und doch gönnet den Kindern zulezt. Nur daß solcher Reden und auch der Schritt und der Mühe Werth der Gewinn und ganz wahr das Ergözliche sei. Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst, Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist, Und von trunkener Stirn’ höher Besinnen entspringt, Mit der unsern zugleich des Himmels Blüthe beginnen, Und dem offenen Blik offen der Leuchtende seyn. Hölderlin, Der Gang aufs Land 3.1.2020 Auf dem Teich, dem regungslosen, 
 Weilt des Mondes holder Glanz, 
 Flechtend seine bleichen Rosen 

In des Schilfes grünen Kranz. aus: Nikolaus Lenau, Schilflieder Der Fluss, die Lippe mit ihren Seitenarmen ist die Lebensader Lippstadts und für die Lippstädter Teil ihres Alltags. Aber der Aufwand der Hochwasser-Schutzmaßnahmen erinnert daran, dass der Fluss auch ein anderes Gesicht zeigen kann, die Kehrseite des lebensspendenden Elementes. Einerseits bedeutet ein Fluss Trinkwasser, Transportmöglichkeit, Nahrung, Hygiene, Freizeitvergnügen; andererseits potentielle Gefahr bei Hochwasser oder durch Unbedachtheit: Flüsse sind uns im Alltagsleben so oder so auf vielfältige Weise gegenwärtig. Die mythische Seite des Flusses jedoch ist uns kaum noch bewusst. Wir beten nicht mehr zum Flussgott; wir gehen nicht davon aus, dass im Tümpel der wilde Mann haust und den Jäger in die Tiefe zieht; dass der Fluss eine Grenze zum Totenreich bildet; dass der Wassermann mit seiner Familie dort unten wohnt oder eine Nixe sich nach einem Menschenmann sehnt. Für uns heute sind vielleicht Supermann oder Die Fantastischen Vier die modernen Mythen, vielleicht ist Karl Rahn ein Mythos oder Muhammad Ali, die Bier-Brötchen-Diät ist ein Mythos oder dass es immer so weiter gehen kann mit der Ausbeutung des Planeten und doch wie von selbst eine Lösung daherkommen wird. Mythen werden gemacht, sie erfüllen einen Zweck. Die alten, Gemeinschaft stiftenden, die das menschliche, das gemeinsame Dasein grundierenden Mythen sind uns abhanden gekommen. Mit welchen Bildern verständigen wir uns, in welchen Bildern finden wir uns wieder, was sind die Geschichten und Symbole, mit denen wir uns unser Dasein erklären? Was bewahrt uns vor dem totalen Vergessen im totalen Konsum, vor der Tyrannei der Gegenwart, vor dem Verlust jedes Zeitgefühls, das über den Moment, über den Tag hinausweist? (…) Kunst ist vor allem ein Spiegelung, eine Befragung, ein Anders-Sehen, ein Kommentar. Kunst ist Stellvertretung: sie kann, macht und darf Dinge, die wir nicht machen, können oder dürfen. Sie bringt neue Gegen-Stände hervor. Keine Ab-Bilder, sondern Gegen-Stände. Die trotzdem aus Vertrautem gespeist werden, sich auf Vertrautes beziehen, die von Vertrautem durchdrungen sind. Und Kunst darf uns vor allem ein Rätsel bleiben, einen Rest von Geheimnis tragen, der zwischen dem liegt, was wir in ihr sehen – jede und jeder sieht und empfindet und versteht etwas Anderes -, und dem, was der Künstler oder die Künstlerin gedacht, hervorgebracht, konzipiert hat. (…) Wir leben in einem Zeitalter des Verlusts. Verlust von Erinnerung, von Wissen, von Tradition, von Kenntnissen, von Mythen und Transzendenz, von Geschichten, von menschlichem Miteinander. Schilfgeschichten stammen aus einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat… Aus einer Zeit unter dem Lindenbaum. Und doch liegen gerade einmal zwei Generationen zwischen dieser Zeit und der heutigen, und Mythen haben ihre eigene Zeitrechnung. Auszüge aus meinem Eröffnungsvortrag zu Sebastian Hempels Installation „Schilfrohre“ (Dez. 2019) 4.1.2020 Gedenken? Wie seltsam, dass um 2010 plötzlich so viele Freunde starben. Als hätte sie ein merkwürdiger Virus dahingerafft. Grundlos und zufallsbestimmt. Der 1.1.12 ist seither ein Gedenktag für Frank Köllges und Klaus Huber, zwei Freunde, zwei Schlagzeuger, zwei außerordentliche Performance- Künstler, die sich kannten und schätzten. Beide starben an diesem, an ein und demselben Tag. Beide Krebs. Natürlich. Der eine nach jahrelangem Kampf, der andere nach wenigen Monaten. Zwei Menschen, die immer anwesend waren, deren Geist immer noch anwesend ist, nichts an Inspiration verloren hat. Und die Mahnung, es sich ja nicht zu gemütlich zu machen. „Eben noch Morgen, dann Mittag, jetzt schon Abend“ war sinngemäß der Text des Nachrufs auf Huber. Warum aber dies hier zu „Heimat“? Weil beide sich definierten über das, was sie schufen, was sie taten oder ließen, über ihre je eigene Radikalität in ihrem Sein und Tun. Beide haben ihre Sehnsüchte verwirklicht, beide zeitlebens mit Geldsorgen einerseits, mit Visionen und Utopien andererseits bis hin zu Großorchestern und „Planetenfahrern“. Letzteres ein welt-umspannendes Großprojekt, für das Köllges jahrzehntelang versuchte, eine Finanzierung zu finden. Die Idee: 50 Künstler*innen, die ein Jahr lang eine Ausbildung durchlaufen, ein Survival Training bis hin zu Jagen, Fischen, Selbstverteidigung, Waffenkenntnis, Notoperationen… 50 Trucks, hergerichtet für autarkes, völlig ortsunabhängiges Unterwegs-Sein, jeder einzelne davon mit allem ausgestattet, was man für Leben und Überleben benötigt, plus einer beweglichen Bühne, Instrumenten, künstlerischem Werkzeug jeder Art. Konzipiert für nicht geplante, spontane Begegnungen jeder Art, wo auch immer man sich aufhält. Routenplanung für 50 unabhängige „Planetenfahrer“, die jede*r ihre Reisen komplett dokumentieren (eine Idee VOR der Allgegenwart des Netzes!), die einzeln reisen, um sich zu verabredeten Zeiten alle gemeinsam zu Großkonzerten, quasi Kunst- Offensiven zu treffen, an Orten wie etwas Tschernobyl oder der Chinesischen Mauer oder dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände. Ein Projekt, in dem jede*r seine „Heimat“ in sich tragen muss bzw. in dem der „Heimat“-Gedanke vollkommen irrelevant wird, aufgegeben zugunsten permanenter Offenheit, ständigem Unterwegs-Sein, künstlerisch-menschlichem Nomadentum, absolutem Sich-zur-Verfügung-Stellen. Es wurde nie realisiert, und der einzige „Planetenfahrer“ seines Projekts blieb Köllges selbst. Aber der Gedanke ist in der Welt, die Haltung, die Neugierde, die Unbedingtheit sind in der Welt. Der Sensenmann ist seither anderswo beschäftigt, legt in unserem engeren Kreis eine Pause ein. Als müsste er diese Kaliber auch erst verdauen… Gedenken? Aufbruch!
(Wen es interessiert: Beide finden sich mannigfach im Netz…) 5.1.2020 Nach dem Konzert in Saarbrücken heute: Wollie Kaiser verlässt Deep Schrott. Eine lange Geschichte zwischen ihm und mir. Und eine Geschichte über „Heimat“. 1988 wurde ich zum Probespiel bei der Kölner Saxophon Mafia eingeladen und anschließend Teil des Quintetts für 6 ereignisreiche Jahre mit mehreren Platten, Produktionen und Konzerten auf der ganzen Welt. Wie sich herausstellte, waren Wollie und ich Antagonisten in der Band, zwischen uns bestand immer eine Spannung, die – nach meiner Einschätzung – auf einem ganz grundsätzlichen und nicht aufzulösenden Mißtrauen beruhte zwischen ihm, dem in der Großstadt aufgewachsenen Arbeiterkind und mir, dem Kleinbürger- und Landratssohn aus der Provinzstadt. Vollkommen unterschiedliche Voraussetzungen, die – jedenfalls war das meine Vorstellung – sich hätten auflösen können in eine gemeinsame Utopie: Die Freiheit der Musik, die wir entwickelten. Eine Musik, deren Hauptbestandteil – neben allen musikalischen Parametern, über die man sprechen kann – eben dies war: FREIHEIT. Emanzipation, Wildheit, Lust. Das verband uns, und das verstand der Kollege damals nicht: Aufbruch und Freiheit in der und durch die Musik. Verknüpft mit einer Haltung zu Welt, zu Herkunft, zu Politik und Gesellschaft, die, gespeist aus völlig unterschiedlichen Quellen, bei beiden auf Wut, Empörung und Gerechtigkeitsempfinden basierte, die sich für eine gemeinsame Basis aber leider als nicht tragfähig genug herausstellte. Trotzdem entstand in den besten Momenten die gemeinsame FREIHEIT in der und durch die Musik. Die Zerwürfnisse waren jedoch auf Dauer nicht zu heilen, ich verließ die Band 1994. 2008 gründete ich DEEP SCHROTT, und mein erster Impuls war, Wollie Kaiser zu dem Quartett- Projekt einzuladen. Einerseits seiner musikalischen Kompetenz wegen. Aber darüber hinaus gab es für mein Verständnis zu viele lose Enden, zu viele liegen gebliebene, ungelöste Konflikte, zu viele Mißverständnisse und Irrtümer. Er besaß die Größe, das Risiko einzugehen und zuzusagen, und wir hatten nochmal fast 12 gemeinsame Jahre, mit zahlreichen Konzerten, Produktionen, fünf Alben, vielen Diskussionen und einer – vielleicht letzten – großen Afrikatournee. Neben Aufwallungen des alten Mißtrauens gab es Momente gemeinsamer Energie, es gab UND GIBT ganz offensichtlich Haltungen, die wir teilen, es gab sogar…– ich will nicht behaupten, Momente des Vertrauens, aber doch des Respekts, des Wohlwollens und des Bewusstseins, einen gemeinsamen Weg zu gehen. Wollie Kaiser hat nun aus ganz persönlichen Gründen die Entscheidung getroffen, die Band zu verlassen, und es ist davon auszugehen, dass damit auch unser gemeinsamer Weg endet, jedenfalls in dieser intensiven Form. Jemand, an dem man sich so sehr gerieben hat in über dreißig Jahren, an seiner Andersartigkeit, seiner Sturheit, seiner – zumindest anfang – überlegenen Musikalität, an seinem so völlig unterschiedlichen Lebensentwurf, seiner Merkwürdigkeit im Ausdruck, seiner Wertschätzung ganz anderer Dinge und Menschen… Dieser Jemand ist mir ein Teil „Heimat“ geworden, ohne je seine Fremdheit für mich zu verlieren: Er hat mich herausgefordert, er hat es mit nie gemütlich gemacht, er hat Wahrhaftigkeit und Radikalität provoziert und war mir ein aufrichtiger Gegenüber. Ein Stachel im Fleisch und, in den guten Momenten, jemand, mit dem man musikalisch in Extase geraten konnte. Wenn „Heimat“, dann so. 6.1.2020 Der DVD-Mitschnitt des großartigen Gesprächs- und Vortragsabends „Ebermann beleidigt Helmut Schmidt“ mit Thomas Ebermann und Michael Weber, SchauSpielHaus Hamburg 2019. Darin rezitiert Michael Weber eine Passage aus Hölderlins Hyperion (1799, Kapitel 67). Einleitend weist er darauf hin, dass die Konstruktion so beschaffen ist, dass Hyperion als griechischer Flüchtling nach Deutschland kommt. „Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin! waren meine Tröster. Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt? Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag es auch. Nur muß er es mit ganzer Seele treiben, muß nicht jede Kraft in sich ersticken, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel paßt, muß nicht mit dieser kargen Angst, buchstäblich heuchlerisch das, was er heißt, nur sein, mit Ernst, mit Liebe muß er das sein, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Tun, und ist er in ein Fach gedrückt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoß ers mit Verachtung weg und lerne pflügen! Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Notwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viele Stümperarbeit und so wenig Freies, Echterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müßten solche Menschen nur nicht fühllos sein für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlaßnen Unnatur auf solchem Volke. (…)“ Immerhin 40 ARD-Fernseh-Autoren (von wie vielen? ein paar tausend?) haben gefordert, das „Umweltsau“-Liedchen wieder online zu stellen und haben Buhrow – wenigstens durch die Blume – nahegelegt zu gehen. Kurz darauf standen schon hunderte von Kommentaren unter dem Artikel, zu 95% Schmähschriften gegen diese Autoren und lauter Unterstreichungen, welch ungeheure Beleidigung das Liedchen für alte Menschen und überhaupt jeden mit Geschmack darstelle, und Satire habe doch irgendwann auch eine Grenze (und zwar genau dort, wo jeder Leserbrief-Hansel sie sich am liebsten vorstellt). Was ist Spießertum? Den eigenen begrenzten Horizont nicht nur für das Ende der Welt zu halten, sondern dies auch noch mit größtmöglicher Aggressivität anderen gegenüber zu vertreten. Zur Strafe kommt Ebermanns „Linke Heimatliebe“ in meiner „Heimat“-Bibliothek in die erste Reihe. Neben Hölderlin. „Und wehe dem Fremdling, der aus Liebe wandert, und zu solchem Volke kömmt, und dreifach wehe dem, der, so wie ich, von großem Schmerz getrieben, ein Bettler meiner Art, zu solchem Volke kömmt!“ 7.1.2020 Martin Sonneborn im Gespräch mit Gregor Gysi über Osnabrück, wo er aufgewachsen ist: „Gut, um aufzuwachsen, und gut, um wegzugehen.“ Auch eine Definition von „Heimat“. Ein Tag in Transiträumen. Köln Stuttgart, Theaterprobe, Stuttgart Frankfurt, Projektbesprechung, Frankfurt Köln. In den Zügen Vor- und Nachbereitung, wie immer. „Heimat“ im Unterwegs-Sein, in der Vertrautheit des Unvertrauten. Essen an Bahnhöfen, Coffee to go, Wasserflaschen, abends ein Restaurant. Fremde Gespräche an Telefonen, Gedrängel vor den Zugtüren, immer der Stress um die Pünktlichkeit der Züge, um das Erreichen der Anschlussverbindung. Einige Stunden Arbeit an Goethe, einige Stunden Gespräche über Klanginstallation und Konzert. Rudimentäre Kenntnis der Innenstädte, der Wege vom Bahnhof zum Arbeitsplatz, Museum oder Theater. Kein Blick auf die Flüsse, auf die Landschaft, auf Passanten. „Heimat“ im mitgeführten Laptop-Bildschirm und Smartphone-Display. Alles bekannt, alles tausendmal gesehen und gemacht. Kleine Triumphe des Individualismus: Keine Plastikgabel akzeptieren, eine selbst gefüllte Wasserflasche bei sich führen, etwas Obst von zuhause mitnehmen, mit dem Taxifahrer ein paar freundliche Worte wechseln. Kollegen und Freunde, denen es ebenso geht, von denen man gleichzeitig weiß, dass man sie verlieren wird, wenn die Wege sich trennen. Wie viele Verkehrsmittel an einem Tag? Fahrrad, Zug, S-Bahn, Straßenbahn, Zug, Taxi, Zug, Fahrrad, Auto. Besser nicht über den ökologischen Fußabdruck nachdenken. Gespräche über „Heimat“, über den verlorenen Posten, auf dem man steht mit der Auffassung, das es sich dabei um eine Erfindung handelt. Oder um das, was man selbst gibt, bis die Kinder groß genug sind, sich in die Welt zu stellen und Welt-Bürger zu werden, die Welt als ihre „Heimat“ zu begreifen. Die Erde. Gaia meinetwegen. Das Gegenüber, die Natur, die Kunst. Die Liebe. Die Körper. Deiner und meiner. Die unserer Kinder. Gefäße für unseren kurzen Weg auf dieser Erde. Wir sind keine Bäume, keine Felsen. Wir sind für die Beweglichkeit geschaffen, für den aufrechten Gang, für den Blick in Baumkronen, über Berge und Meer. Warum sich abfinden mit albernen Versprechen von Gemütlichkeit und Sicherheit, wenn man stattdessen in Wind und Regen stehen kann? Aber was uns am Ende einholt, ist die Verführung der Bildschirme, der elektronischen Herdfeuer, der „blauen Sonnen“, der Weichmacher in Hirnen und Körpern. Ihnen sind wir nicht gewachsen, diese Prüfung bestehen wir nicht. Was Krieg und Sklaverei nicht fertigbrachten: sie schaffen es. Und wir sind Freiwillige. Finden uns am Ende wieder in den allerbilligsten Varianten von „Heimat“, den ewiggleichen Erzählungen, mit denen sie uns abspeisen, während wir hoffen auf die nächste Lieferung Soylent Green. 8.1.2020 Woher die fast obsessive Beschäftigung mit dem verdammten H.-Thema? Angefangen mit Texten und Veranstaltungen vor etwa 20 Jahren, spätestens 1997/98 (mein reichlich missglückter „Heimatabend“ in der Bundeskunsthalle). Immerhin vor dem von Thomas Ebermann benannten „Boom“ des Begriffs im Zusammenhang mit dem Rechtsruck der gesamten Gesellschaft (ein Ruck, der sich in Phänomenen wie der AfD nur ausdrückt, aber die ganze Gesellschaft erfasst hat). Es kann wohl nur einer zum Thema arbeiten, der der H. verlustig gegangen ist bzw. der zu durchschauen gelernt hat, welche Ideologien sich diesen Begriff zu eigen machen. Das hat sich in mehreren Schritten vollzogen. Der frühe Verlust der Mutter, der als solcher empfundene Verrat und damit Verlust des Vaters ein paar Jahre später, der frühe Tod vieler Angehöriger. Der Verlust der Religion, der Verlust von Urvertrauen. Zunehmende Erkenntnisse von Zusammenhängen, von gesellschaftlichen Entwicklungen, auch von Ausbeutungszusammenhängen (hier ist die Behauptung von H. nie weit). Was blieb, waren Natur und Modelle von Gemeinsamkeit außerhalb der Familie (Freundschaft, Schule, Jugendarbeit, Musik…). Die Entdeckung der Liebe als Zugewandtsein zu einem Gegenüber, einer Fremden, einer Anderen, quasi Entdeckung einer H. im Anderssein. Auch unmittelbar, d. h. körperlich. Das Sich-nach-außen-Wenden in vielerlei Form. Das konkrete Verlassen des Herkunftsortes, der Umgebung, das Erschließen anderer Wirklichkeiten (die Stadt, die Welt). Und schließlich so etwas wie das Eigene in Haltung und Werk, bei aller Vorsicht. Die eigenen Sprache. Das Teilen des Eigenen mit gleich oder ähnlich Gesinnten. Solidarität. Der Stachel des Alleinseins, der – ohne zu pathetisch zu werden – grundsätzlichen Einsamkeit und Vorläufigkeit auf dieser Erde. Der Reichtum und die Schönheit der Erde trotz der überwältigenden Realität ihrer Ausbeutung. Das Gefühl, der Erde zu gehören, ganz unmittelbar, nicht durch Vermittlung einer Ideologie oder Religion. Natur und Kunst als Quellen, und darin eine Art Transzendenz, die sich anders darstellt als die doch etwas schlichten Zumutungen der Angebote der Kirchen. Die Auseinandersetzung mit dem H.-Thema als ständige Reibung auch an der eigenen Sehnsucht, die sich immer wieder einstellt. Sehnsucht nicht nach einem Ort, einem Geruch oder Geschmack, wie so oft behauptet wird. Aber die Sehnsucht nach einer Situation der Geborgenheit nicht zu kennen, wäre eine glatte Lüge. Aber lieber in der Sehnsucht im Sinne einer permanenten Entfernung verbleiben, als schließlich doch den allerdümmsten Glücksversprechen auf den Leim gehen, die allerorten gegeben werden. 9.1.2020 Der Junge hatte panische Angst. Mehr Angst als Vaterlandsliebe, spottete sein Vater. Er wurde in den Keller geschickt, um den kleinen Spazierstock aus Rohr zu holen, mit dem er noch vor wenigen Jahren gespielt hatte. Der Stock steckte nun an der Kellerdecke über den Heizungsrohren, als Damoklesschwert und tägliche Warnung. Der Junge wusste, was ihm bevorstand. Was ihm blühte, wie seine Eltern es ausdrückten. Mit gesenktem Kopf ging er die Treppe wieder hinauf in den Flur, wo die gesamte Familie ihn erwartete, die Schwestern als Zeuginnen, die Mutter, der Vater. Er bat, vorher noch zum Klo gehen zu dürfen. Er durfte. Dann musste er die Schläge entgegennehmen, nachdem sein Vater ihn vorher gefragt hatte, wie viele er selbst für angemessen hielt. (Was war anschließend mit dem Stock geschehen? Vermutlich hatte er ihn wieder in den Keller bringen müssen, er konnte sich nicht erinnern.) Nach dem Vollzug machte sich Erleichterung breit, es hinter sich zu haben. Als der Junge im Bett lag, hörte er noch einmal die schweren Schritte seines Vaters auf der Treppe, die Tür öffnete sich und sein Vater machte schweigend ein Kreuzzeichen auf seine Stirn, wie ein Priester an Aschermittwoch, nur ohne Asche. Der Hohepriester der Familie. Sie gehörten alle ihm. Der Junge weinte sich in den Schlaf. Am nächsten Morgen trat er angesichts der Schande des Vorabends voller Scham an den Frühstückstisch. Seine Mutter sagte, sein Vater habe am späteren Abend noch sehr geweint. Ihm tue es viel mehr weh als ihm. Es ist eben Ihr Heimatort und für einen nur irgendwie beunruhigten Menschen ist der Heimatort, selbst wenn er sich darüber gern täuscht, etwas sehr Unheimatliches, ein Ort der Erinnerungen, der Wehmut, der Kleinlichkeit, der Scham, der Verführung, des Mißbrauchs der Kräfte. Franz Kafka, Briefe und Tagebücher, März 1920 10.1.2020 In „Die Permanenz der Kunst“ von Herbert Marcuse findet sich die Formulierung, die Autonomie der Kunst enthalte den kategorischen Imperativ: es muss anders werden. Das Bestehende muss aufhören, es muss geändert werden. Marcuse verteidigt die Autonomie der Kunst auch (und gerade) gegen ihre In-Dienst-Nahme durch vulgärmarxistische Ideologie. Er sieht sie nicht als Repräsentant einer Klasse oder einer gesellschaftlichen Situation, sondern als Ausdruck der allgemeinen Menschlichkeit. „Es muss anders werden“, also das Bewusstsein, dass eine unvollkommene Realität in Frage gestellt, verändert, verbessert gehört, und zwar so lange, BIS DIE AUSBEUTUNG EIN ENDE HAT, widerspricht fundamental allem, was das Klischee des Begriffs „Heimat“ ausmacht. H. zeichnet sich bei ihren Apologeten in der Regel gerade dadurch aus, dass sie sich NICHT ändert, dass sie eine heile Welt repräsentiert, die so scheint wie früher (wobei das „Früher“ in der Regel aus gutem Grund nicht näher definiert wird, weil es ein angenommenes „Früher“ ist, das mit jedweder Realität nichts zu tun hat), aus der alle Abgründe, Schmerzen, Leiden, vor allem aber jedes Bewusstsein politischer (und das heißt immer: Ausbeutungs- und Profit-) Zusammenhänge getilgt sind. Ist es überhaupt denkbar, diesen so vollständig kontaminierten Begriff anders zu denken? Ist eine H. vorstellbar, die nicht korrumpiert und mystifiziert (ebenfalls ein Begriff bei Marcuse) ist? Die sich u. a. dadurch auszeichnet, dass sie das „Es muss anders werden“ in sich trägt? Eine H., die das Andere, das Anderssein als Wert nicht nur akzeptiert, sondern in sich trägt und damit etwas gänzlich anderes darstellt als die Postkarten-Idylle, die gemeinhin mit dem Begriff assoziiert wird, oder gar die sentimentale Gefühlswelt eines „Es war einmal“, die ihre dunkle Seite, die Gewalt, nur mühsam zu verbergen imstande ist? H. in diesem Sinne wäre der Utopie verschwistert. Ist ein Begriff von H. denkbar, der integrativ und solidarisch ist, der ohne den Ausschluss derer auskommt, die nicht dazugehören (sollen)? Eine offene, einladende H., die Sprache, Natur, auch Traditionen und Rituale birgt, sich aber nicht mittels aggressiver Xenophobie oder vergleichbarer Impulse manifestiert? Ist der Begriff so kontaminiert und jeder Änderung abhold, dass man ihn, wie Thomas Ebermann in „Linke Heimatliebe“ fordert, den Rechten überlassen, ihn also ein für allemal aufgeben sollte? Oder ist eine utopische H., eine H. vor, nicht hinter uns, denkbar? Wenn H. vor allem bedeutet, in einer angstfreien Situation leben zu können, warum gibt es dann keine ernsthaften linken, utopischen Angebote für H.? Warum wird H. immer in der Vergangenheit gesucht, in einem goldenen Zeitalter, im Schoß der Familie usw.? Ist es so einfach: Ist H. ein Synonym für den Mutterschoß, den man verlassen hat, in dem die Situation angstfrei war, und für ein paar folgende Jahre noch ohne eigenes Bewusstsein, und ist der Verlust dieser Unschuld der Grund für die diffuse Sehnsucht und die Angst? Warum aber nicht Neugierde, warum nicht den Kopf heben statt gesenkt halten? (Robert Pogue Harrison beschreibt in „Kulturgeschichte des Waldes“ das Kopf-Heben, die Entdeckung des Himmels sinngemäß als Beginn menschlicher Zivilisation und Transzendenz.) 11.1.2020 Die Sache muss ihre Form erst finden und durch vieles hindurch mäandern. Es gibt keinen Masterplan. Ich muss mich hindurchfressen durch meinen Puddingberg. (Dahinter liegt ganz bestimmt das geistige Schlaraffenland.) Irrtümer sind nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern müssen leider als Methode gelten. Immerhin: Zu seinen Irrtümern und Sackgassen zu stehen, ist schon eine Gegenhaltung. Weniger im Sinne von „Authentizität“ oder „Identität“ – die Begriffe sind gemeinsam mit H. unter Generalverdacht zu stellen – als schlicht Aufrichtigkeit. Als ich vor langer Zeit gegenüber Steckel einmal Adorno sinngemäß zitierte: „Sich nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen“, lautete die lakonische Antwort: „Ist es nicht eigentlich umgekehrt?“ (Das korrekte Zitat aus „Minima Moralia“ lautet übrigens: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ Beim Recherchieren per Smartphone wird mir – neben einer Reihe von Zitaten – angeboten: „Ihr Engelsname wird enthüllt. Endecken Sie schnell den Namen Ihres Schutzengels dank Angela, Ihrem Medium.“) 12.1.2020 Auf einer Anhöhe in der unendlichen, kargen Landschaft des Nordens zu stehen – eine Erfahrung, vermutlich dem Ozean oder der Wüste vergleichbar – und von weitem eine Regenfront auf sich zukommen sehen. Tage später der erste Besuch im Munch-Museum in Oslo. Das Gefühl der Überwältigung und äußersten Fremdheit, gleichzeitig der Aufgehobenheit und Teilhabe. „Heimat“ in der Natur, in der Kunst, als andere Definition des Begriffs. Kann man, darf man den Begriff hier verwenden? Anders gefragt: Muss man es nicht sogar, um ihn von der unendlichen Belastung durch Blut und Boden zu emanzipieren? Ist eine solche Emanzipation oder Umdeutung zulässig, oder sollte man den Begriff einfach sausen lassen und sich eigene, weniger korrumpierte Termini suchen? Aber sind Begriffe nicht insofern wie Menschen – ist es möglich, einen aufzugeben, oder muss man bis zuletzt um jeden kämpfen? Transportiert ein solcher Begriff (wie bei Ebermann) nur seine eigene, unendlich wiederholte Korruption, oder kann man andere Schichten freilegen, die darunter, davor, dahinter liegen? Eine Ahnung davon gibt ebenfalls Marcuse, wenn er in seinem Text „Die Permanenz der Kunst“ trotz aller gesellschaftlichen Verantwortung und trotz allen Eingebunden-Seins in gesellschaftliche und politische Prozesse darauf beharrt, dass die Kunst ihre Autonomie behält.